Mittwoch, 4. Oktober 2017

Aufwärts

Hier sehe ich doch schon bedeutend besser aus!
In den folgenden Tagen im Krankenhaus versuche ich, mich körperlich und vor allem seelisch, mit der Situation abzufinden oder zumindest zu arrangieren.
Abgesehen davon, dass ich mich trotz der Schmerzmittel kaum bewegen kann und auch nicht darf, reihen sich noch weitere Hiobsbotschaften aneinander.

Mir wird immer wieder Blut abgenommen, als ich frage warum, wird mir eröffnet, das mein Herz wohl etwas abbekommen hat, die Enzyme im Blut sind viel zu hoch, das bedeutet abgestorbene Herzmuskelzellen.
Außerdem ist meine rechte Gesichtshälfte ganz taub. 
Nicht nur das ich nicht Essen kann wegen meiner armen Zähne, nicht schlucken kann wegen des Halses, ich kann auch nicht trinken. Es fühlt sich an wie eine starke Betäubung beim Zahnarzt. Nur ein Strohhalm verhindert, dass mir alles wieder aus dem Mund läuft. Kaffee mit Strohhalm – wird sicher nicht mein Favorit!

Trotzdem habe ich Glück, nach einem erneuten CT wird auf eine OP meiner Wirbel verzichtet und eine Sonografie vom Herz zeigt auch keine Auffälligkeiten. 
So kann ich nach einer Woche endlich nach Hause. Gerade noch rechtzeitig, das Essen war so grauenhaft, das ich wohl ohne Jans´ Carepakete auch noch verhungert wäre. Erinnert sich noch irgendjemand an Milchsuppe???

Zuhause angekommen falle ich aber trotzdem erst mal in ein ziemliches Loch.
Die Prognose der Klinikärzte ist niederschmetternd.
Klar, das Wichtigste ist, das ich aller Voraussicht nach keine bleibenden Schäden nachbehalten werde. 
Aber trotzdem stimmt mich die Aussicht, für Monate auf jedes ernsthafte Training verzichten zu müssen, nicht gerade froh.
Dazu kommt auch der nicht unerhebliche finanzielle Aspekt.
Da ich den Unfall selbst verschuldet habe, muss ich für alle mir entstandenen Kosten selber aufkommen.
Nicht nur das Fahrrad, auch die beträchtlichen Startgebühren der verpassten Wettkämpfe kann ich jetzt abschreiben.
An die Zahnarztrechnung für meine Vorderzähne wage ich gar nicht zu denken.

Ich hatte ja gehofft das meine Unfallversicherung die einen oder anderen Kosten übernimmt, aber Pustekuchen!
Ein Anruf meinerseits und ein Schreiben dererseits belehrt mich leider eines Besseren oder vielmehr Schlechteren.
Die Versicherung greift nur bei BLEIBENDEN Schäden. 
Das heißt. ich hätte schon im Rollstuhl landen müssen oder arbeitsunfähig werden, um eine Leistung zu erhalten.
Der Preis wäre mir dann allerdings doch zu groß.
Wenigstes den Schaden am Transporter übernimmt meine Haftpflicht.

Trotz alledem, versuche ich nicht länger als nötig mit der Situation zu hadern.
Es gibt nämlich auch gute Nachrichten.
Ein Termin bei meinem Unfallarzt, der mich seit Jahren betreut, gibt Anlass zur Hoffnung.

Nachdem er sich mit wachsendem Unglauben durch meinen 4 seitigen Entlassungsbericht gearbeitet hat und ein neues Röntgenbild erstellt ist, gibt er doch eine sehr viel differenziertere Diagnose ab.

Da mir beim Sitzen auf einem Stuhl der
Rücken wehtut, schaffe ich mir einen
Gymnastikball an.
Trainiert auch gleich die Tiefenmuskulatur!. 
Ich darf ab sofort neben der Physiotherapie auch Schwimmen (auch kraulen? Ja, auch kraulen), Aquajoggen und auf dem Ergometer Radfahren.
Alles unter der Prämisse eines 3 wöchigen Kontrolltermin.

Absolut verboten ist aber Laufen.
Auch soll ich es tunlichst vermeiden zu stürzen, Schläge in meinen Rücken zu bekommen (hatte ich ehrlich auch nicht vor) und schwer zu tragen (sorry Schatz, kannst du mir bitte die Wäsche tragen – ich darf ja nicht . . .)
Alles in allem aber doch schon erheblich mehr als das „Nichts“ welches mir seitens der Klinik auferlegt werden sollte!

So nutze ich die Zeit so gut es geht.

Schwimmen hat erst einmal Priorität.
Beim Aquajoggen drückt der Gurt hinten gegen meinen Rücken. Das halte ich für ungünstig, egal was der Arzt sagt, deshalb stelle ich das vorsichtshalber vorerst zurück.

Bereits 10 Tage nach meinem Unfall, sitze
ich wieder auf einem "Fahrrad"
Beim Radfahren steige ich sobald wie möglich vom Ergometer auf mein Rennrad in der Rolle um, der Bewegungsablauf ist sonst einfach zu unterschiedlich.
Ich vertreibe mir die Zeit dabei mit Workouts von Zwift und dem ungehemmten Konsum von Serien auf Amazon Prime, die ich seit Jahren bezahle, aber nie wirklich beachtet habe . . .
Überhaupt – der Frühling ist unerwartet schön und sonnig und ich relaxe so oft auf meiner Liege im Garten wie seit Jahren nicht mehr.
Kurz, ich versuche eine möglichst ausgewogene Mischung aus Erholung und maximal machbarem Training zu erreichen.
Trotzdem sehe ich jeder Kontrolluntersuchung mit leichtem Bangen entgegen, denn auch wenn das WAS durchaus mit meinem Arzt abgesprochen ist, das WIEVIEL habe ich doch lieber nicht erörtert . . .
Aber alles geht gut, meine Genesung schreitet voran und ich fange an zu planen wie ich von der Saison noch retten kann, was noch zu retten ist.
Um meine schöne Radform nicht umsonst aufgebaut zu haben, melde ich mich kurzerhand für die 180 km Distanz bei den Hamburger Cyclassics.
Die wollte ich schon seit Jahren fahren, habe mich aber nie so richtig getraut.
Zu groß war meine Angst vor einem Sturz und einer Verletzung.
Da ja aber der Blitz bekanntlich nicht zweimal einschlägt, habe ich ja für dieses Jahr wohl hoffentlich mein Kontingent an Unfallverletzungen erfüllt.
Außerdem mache ich mir Hoffnung auf einen Start bei den Deutschen Marathon Meisterschaften in Frankfurt.
Über diese Brücke auf dem Weg zum
Stadtpark bin ich noch nie GEGANGEN.
Geschweige denn das ich ein Foto hätte
machen lassen 
Der Termin ist erst Ende Oktober, ich bin mir ziemlich sicher bis dahin wieder Laufen zu dürfen.

Es kommt aber noch besser, schon im Juni kommt die Freigabe wieder ins´ Laufen einzusteigen!
Damit habe ich überhaupt noch nicht gerechnet, wahrscheinlich war der arme Mann mein Jammern einfach leid 😁
Ich beginne also ganz vorsichtig auf dem Laufband, 
um ja kein Stolpern oder gar einen Sturz zu riskieren.

Aber Woche für Woche geht es immer besser. 

So mache ich mich am 15.August auf nach Wilhelmshaven. 
Das ich bei der dortigen Mitteldistanz starten kann,
ist ein unerwartetes Geschenk für mich. 
Ich schwanke zwischen Zuversicht, Vorfreude und Angst.

Wie es mir ergangen ist, könnt ihr HIER lesen!

Sonntag, 24. September 2017

In der Notaufnahme – als ob einmal nicht gereicht hätte!

Im Krankenhaus angekommen, werde ich unsanft aus meinem Dämmerzustand gerissen.

Nachdem man mich mit ziemlichen Trara vom der Rettungsliege auf ein Bett in der Notaufnahme verfrachtet hat, beginnen die Ärzte ihrerseits das Ausmaß der Schäden zu eruieren, eine Prozedur die sich anscheinend einige Stunden hinzieht und von mir nur teilweise bei Bewusstsein verfolgt werden kann.

Es ist wohl eine ganze Menge kaputt, ständig werde ich in irgendwelche Röhren und Apparate geschoben, eine unglaubliche Menge an Ärzten begucken mich, zerren an mir rum und tasten mich ab.
Mir macht mein Rücken, der furchtbar weh tut und mein linkes Knie am meisten Sorgen.
Die Ärzte haben da wohl andere Prioritäten, sie fragen ständig nach meinem Hals.
Was soll ich sagen, mein Mund ist voller Blut, das Schlucken fällt mir total schwer, ich fühle meine abgebrochenen Zähne und das Sprechen geht auch nur so semi, aber ansonsten, atmen ist kein Problem.
Aber es hilft nichts.
Ein Endoskop wird mir in den Hals geschoben.
Fühlte sich meine Kehle vorher doof an, wäre ich jetzt am liebsten von der Liege gesprungen.

Ergebnis, mein Zungenbein ist gebrochen.
Ich bin überrascht, in Krimis ist man danach immer ziemlich tot und erwürgt, ich habe aber wohl diese Verletzung dem Kinnriemen meines Helms zu verdanken.
Aber schlimmer noch, die Luftröhre ist verletzt und es befindet sich Luft im Hals wo keine Luft sein sollte.
Sie wollen mich vom Krankenhaus Boberg nach St. Georg verlegen – anscheinend gibt es hier keine Intensiv HNO Abteilung.
Vorher werde ich aber noch hübsch zusammengeflickt.
Meine Lippe wird genäht, das Kinn und das Knie auch – der Abwechslung halber von jeweils einem anderen Arzt.
Das gröbste Blut wird mir aus dem Gesicht gewaschen, sickert aber von wo auch immer (Mund, Nase, Kinn, Lippe, Stirn?) immer wieder nach.
Nur um meine armen Zähne kümmert sich niemand . . .

Jetzt informiert mich auch ein Arzt über die Summe meiner Defekte.

Grob Zusammengefasst von oben nach unten:

  • Gehirn, abgesehen von einer retrograden Amnesie, wohl ganz ok
  • Schädel nicht gebrochen
  • Platzwunde an der Schläfe 
  • 4 abgebrochene Vorderzähne
  • Unterlippe komplett eingerissen
  • Platzwunde am Kinn
  • Zweiter und dritter Brustwirbel gebrochen, die Vorderkanten sind abgesplittert und die Dornfortsätze abgebrochen
  • Knie geprellt, mit zwei tiefen Rissen (aber zum Glück nichts kaputt!)

Das ist die vorläufige Bilanz. Später sollte sich da noch so einiges dazugesellen . . .

Mein armer Mann, der seit Stunden in der Notaufnahme auf irgendwelche Nachrichten wartet, wird für ungefähr 2 Minuten zu mir gelassen.
Kurz informiert das ich wohl trotz meines desolaten Aussehens wieder auf die Beine (wortwörtlich) komme und gleich wieder raus geschoben, mit der Eröffnung, er könne mir ja nach St. Georg hinterherfahren.
Da kommt auch schon mein „Taxi“ in Richtung St. Georg, wieder rauf auf die Trage, rein in den Rettungswagen und los.

Ich werde allmählich müde, es ist inzwischen fast 8 Uhr Abends, ich bin sozusagen seit ungefähr 4 – 5 Stunden im Ausnahmezustand, mir tut alles weh und ich bin erstaunlicherweise furchtbar hungrig.
Die Fahrt im Rettungswagen ist ja noch ganz angenehm, aber in St. Georg angekommen beginnt die gesamte Untersuchung - und Aufnahmeprozedur von vorn.
Ich hätte die Liste meiner Verletzungen herbeten können und ein Arztbericht war bestimmt auch dabei, aber all mein Protestieren hilft nichts, bis zum Röntgen und Scannen meiner diversen Körperpartien wird alles wiederholt.
Leider sieht man auf den neuen MRT´s, dass zusätzlich der 10. und 12. Brustwirbel eine Deckplattenfraktur hat. Jetzt steht auf einmal sogar eine OP im Raum.
Die Krönung aber ist das erneute Endoskopieren meiner Luftröhre. Jetzt habe ich endgültig den Hals (Achtung, Wortspiel!) voll.
Um kurz vor neun liege ich dann endlich zwischen piepsenden Geräten in einem Intensivbett und hoffe auf einen erneuten Besuch von Jan und vor allem etwas zu essen.
Natürlich bin ich jetzt auf einmal hellwach, die Minuten schleichen dahin, ich kann mich nicht bewegen, habe nichts um mich abzulenken außer dem Blick auf andere bewusstlose Patienten.
Das Personal ist mit mir etwas überfordert. 
Man ist hier nicht auf Patienten eingerichtet die reden, Hunger haben und alleine auf die Toilette wollen.
Es gibt tatsächlich keine Patiententoilette!
Schließlich treibt eine mitleidige Schwester eine Mikrowellentomatensuppe, ein paar Scheiben ungetoastetes Toastbrot sowie einen Joghurt aus dem Schwesternzimmer auf und Jan darf trotz der vorgerückten Stunde kurz hereinschauen.


Viel besser!

Selfie am gleichen Abend. Das ist ungefähr der dritte Versuch so etwas wie ein Lächeln zustande zu bekommen. Dabei geht es mir dank einer ordentlichen Portion Morphium eigentlich ganz gut

Wie ich hier gelandet bin? Teil 1 findet ihr HIER!
Wie es weiter geht? Teil 3 findet ihr HIER!



Der große Knall

Am Donnerstag, den 20. April, ungefähr um 14:45 h endete meine Triathlonsaison 2017 inklusive der gesamten Jahresvorbereitung auf der Deichstraße, zwischen den Trümmern meines Zeitfahrrades und den Resten meiner Frontzähne.

Was war passiert?

Ich bin mit 35 Kilometer pro Stunde im Auflieger ungebremst auf einen stehenden Transporter aufgefahren.
Klingt erstmal schräg. Wie blöd kann man sein? Dachte ich auch – vorher.
Aber wie konnte es bloß dazu kommen?
Da ich vor und während des Aufpralls zwar leider körperlich anwesend war, aber mein Bewusstsein es gnädigerweise vorgezogen hat, die entscheidenden Minuten an einem anderen, besseren Ort zu verbringen, kann ich darüber nur spekulieren.
Schon zu Beginn der Fahrt habe ich ein sehr entspanntes Gefühl.
Das Wetter ist schön, ich bin gut in Form.
Die Straße ist eben, fast leer.
Ich rolle ohne große Anstrengung, fast meditativ dahin.
Und obwohl ich mich nicht erinnern kann, vermute ich genau hier den Auslöser.
Entweder habe ich das Fahrzeug gegen die Sonne tatsächlich nicht gesehen, nicht rechtzeitig aufgeblickt, dachte das Auto fährt oder habe einfach gar nichts gedacht, sondern einfach vor mich hingeträumt.
Das ist auf einem Fahrrad, in dem Tempo, ohne Knautschzone und Abstandswarner, definitiv keine gute Idee.
An meinem Rad oder an meinem Körper gab es jedenfalls keinerlei Hinweise auf irgendwelche Brems - oder Ausweichversuche.
Laut Aussagen einiger Ärzte hat mir aber gerade das Unterlassen jeglicher Gegenwehr wohl einen guten Teil meiner Gesundheit, vielleicht auch das Leben gerettet.
Wer weiß was passiert wäre, hätte ich mich kurz davor noch zur Seite gedreht oder gar den Kopf hoch genommen!
Nun, wie auch immer, im Ergebnis fand ich mich jedenfalls in eingangs beschriebener Situation wieder.

Ich versuche mich aufzurichten, erkenne neben mir das buchstäblich auseinander gerissene Rad und betrachtete benommen das Blut, das aus meinem Mund auf die Straße tropft.
Das wars´ mit dem Training für heute, denke ich – dann bin ich wieder weg.

Als ich erneut zu Bewusstsein komme, liege ich im Rettungswagen und versuche verzweifelt mich zu orientieren und das Ausmaß der Schäden zu eruieren.
Ich werde nach meinem Namen gefragt, meiner Adresse, meinem Partner.
Ich schaffe es zu vermitteln wo mein Handy ist, bekomme mit, dass ein Sanitäter mit Jan telefoniert, aber zu meinem Erschrecken kann ich mich nicht erinnern welchen Tag wir haben, nicht einmal welchen Monat. 
Wann ich losgefahren bin? Keine Ahnung.
Allerdings realisiere ich allmählich das dieser Unfall wohl nicht nach einigen Tagen Ruhe und ein paar Ibuprofen ausgestanden sein wird.

Immerhin spüre ich alles, was aber auch bedeutet, dass mir so ziemlich alles weh tut – so viel dazu dass man nach so einem Schock keine Schmerzen hat.
Sorgen macht mir, das ich meinen Kopf überhaupt nicht anheben kann, ich versuche es mehrmals und gerate allmählich in Panik.
Dann der trockene Kommentar des Sanitäters – Sie können den Kopf nicht heben, Sie sind festgeschnallt.
Wenn es mir nicht so elend ginge könnte ich ja fast lachen.


Stattdessen vertagt sich mein Bewusstsein wieder auf später. 


Mein armes Pearl - bis auf den abgerissenen Vorbau und das demolierte Vorderrad fast unversehrt




             Hier nochmal im Detail                                                        Der Helm der mir das Leben gerettet hat.
                                                                                      Man beachte wie stark das gesamte Styropor gestaucht ist
                                                                                (rot markiert)


Wie es weiter geht? Hier geht es zur Fortsetzung



Dienstag, 11. April 2017

Macht einen das Triathlontraining zu einem (noch) besseren Läufer?

Wie ich darauf komme?
Dieses Wochenende waren die Deutschen Halbmarathon Meisterschaften in Hannover. 

Da ich dieses Jahr mein gesamtes Training auf die Triathlonwettkämpfe ausrichte, habe ich bewusst keine wichtigen Laufwettkämpfe geplant. 

Im Gegenteil - da ich mich unbedingt im Schwimmen und Radfahren steigern möchte, habe ich schweren Herzens mein Lauftraingspensum reduziert. 

Also kein Frühjahrsmarathon, kein reines Lauftrainingslager, weniger GA1 Kilometer und um ca 4 - 6 Wochen verschobene Intensitätseinheiten. 

Dazu kamen 2 Unterbrechungen durch Infekte und ich war Anfang März auf dem Weg ins Trainingslager nach Lanzarote gefühlt so "unfit" wie noch nie zu dieser Jahreszeit. 

Das war soweit geplant und auch in Ordnung, liegt mein Saisonhöhepunkt dieses Jahr doch Ende Juni bzw. Mitte Juli - was soll ich da mit einer Topform Anfang April?

Allerdings kommt es erstens immer anders und zweitens als man denkt. 
Überraschenderweise haben wir in meinem Laufverein doch noch eine Altersklassenmannschaft für die Deutsche Meisterschaft zusammen bekommen und meine Läuferseele konnte einfach nicht widerstehen. 
Ein Halbmarathon benötigt natürlich nicht im entferntesten soviel Regenerationszeit wie ein Marathon, stört das Training also nicht für Wochen. 
Der Termin am 09. April passte auch, also warum nicht. 
Ok, Höchstleistungen habe ich nicht von mir erwartet, aber eine Mannschaft ist immer die Summe ihrer Teile und auf eine Einzelmedaille wie Bronze bei den Meisterschaften 2015 in Husum spekulierte ich bei diesem doch viel größerem Teilnehmerfeld ohnehin nicht.

Trotzdem, ein reiner Trainingslauf sollte es natürlich nicht werden, ein Kompromiss musste also her. 
Dazu gehörte ein deutlich anspruchsvolleres Lauftraining auf Lanzarote als eigentlich geplant.
Natürlich ohne das Radtraining zu "behindern". Für das Radtraining waren wir schließlich da!
Hier zahlte sich gefühlt jede Trainingsfahrt im Winter bei Regen, Kälte und Schnee auf dem Rad aus. 
So kam ich schon ziemlich gut vorbereitet an, konnte das Radtraining wie geplant (und sogar etwas darüber hinaus) durchziehen und hatte noch genug Kraft fürs Laufen.
Aber hart war es schon. 

Über die zwei Wochen zusätzlich zu den Radeinheiten (und ein bisschen Schwimmen) noch 200 Kilometer Laufen war kein Ponyhof. 
Im Gegenteil, nicht nur dass das Wetter tagelang ungeahnte (und ungewünschte) Höchstwerte im Temperatur - und Windbereich erreichte, nein es war auch nicht gerade idyllisch und schon gar nicht flach. 
Wer schon einmal 30 Kilometer mit knapp 600 Höhenmetern bei 28 Grad im Schatten (leider ohne Schatten) entlang diverser Schnellstraßen gelaufen ist, weiß was ich meine. 
Schön ist anders!
Die Intervalle liefen wir dann auf der Promenade, möglichst noch vor sieben Uhr wegen der Hitze (und den Engländern, den Hunden und sonstiger Hindernisse 😎 )
Aber selbst hier war es dermaßen wellig das auf 10 Kilometer fast 150 Höhenmeter kamen.

Das ich trotzdem die Pacevorgaben schaffte und sogar zum Teil toppte, überraschte mich schon - besonders in der zweiten Woche legte ich richtig zu, übernommen hatte ich mich also nicht.

Zurück in Hamburg erstmal eine Regenerationswoche, dann hatte ich im Grunde nur eine Woche um nochmal reinzuhauen um mich dann zumindest beim Laufen vor dem Wettkampf etwas zu Erholen. 

Mein Ziel für den Lauf war vor allem ein mentales. 
Ich wollte die geplante Pace möglichst lange konstant durchhalten. 
Klingt einfach, bereitet mir aber auch nach Jahren irgendwie immer wieder ungeahnte Schwierigkeiten.
Denn das bedeutet bei mir am Anfang BREMSEN und am Ende HALTEN!

Dabei kam mir die Pace, auf die mein Trainingsplan ausgerichtet war (der ja wiederum auf vergangenen Wettkämpfen und Leistungen beruhte), ohnehin schon sehr schnell vor. 
Aber immerhin absolvierte ich ja nebenbei auch noch ein paar klitzekleine zusätzliche Trainings auf dem Rad und im Wasser.

Nun gut, ich hatte getan was ich konnte (und wollte), der Rest lag dann in meiner Tagesform und den sonstigen Bedingungen . . .

Wie es dann im Einzelnen lief könnt ihr HIER  genauer nachlesen.

Im Endeffekt bin ich nicht nur Deutsche Vizemeisterin in meiner Altersklasse mit unserer Mannschaft geworden, sondern konnte mir auch persönlich die Silbermedaille sichern. Meine Bestleistung von 2015 habe ich um ganze 55 Sekunden unterboten! 
Das trotz des rudimentären Trainings und der großen Trainingsgesamtbelastung.

Und ich bin nicht die Einzige - eine andere Athletin aus meinem Verein, die sogar direkt aus dem Triathlontrainingslager kam, hat ebenfalls deutlich ihre Bestzeit geknackt. 
Ähnliches hörte ich auch vorher schon öfter.
Deshalb meine Frage vom Anfang - macht einen das Trathlontraining tatsächlich als Läufer schneller?
Ich würde sagen Ja - Nein - Vielleicht 😁

- Ja, das viele Radfahren unterstützt sicher nochmal den Fettstoffwechsel.
- Schwimmen lockert und regeneriert die durch das Laufen strapazierte Muskulatur. 
- Die Gewichtsreduktion, von der eben besonders das Laufen profitiert, fällt einfach leichter. 
- Das verstärkte Muskeltraining sorgt für mehr Körperstabilität und dadurch für eine bessere   Laufeffizienz und verringert die Überlastungserscheinungen. 

Aber macht einen das alles wirklich SCHNELLER? 

Dagegen spricht nämlich auch so einiges:

- So war mein Fettstoffwechsel durch mein durchschnittliches Pensum von 150 
   Laufkilometer die Woche und ganzjährigen langen Läufen schon immer ausgezeichnet.
- Die durch das Radfahren und Schwimmen "lauffremde" Muskulatur muss während des 
  Laufens "mitgeschleppt" und "ernährt" werden.
Durch die zusätzlich benötigte Regeneration nach anstrengenden Rad oder 
  Schwimmtrainings kann man nicht so viele intensive Laufeinheiten absolvieren wie 
   zumindest ich es gewohnt bin. 

Aber woher kommen dann die nicht nur bei mir häufigen neuen Bestleistungen im Laufen nach Aufnahme des zusätzlichen Triathlontrainings?

Für mich habe ich folgende Antwort gefunden:

Erstens habe ich zwar mein Training im Laufen reduziert, aber auch speziell auf einen Halbmarathon ausgerichtet. 
Meine vorherige Bestzeit bin ich im Rahmen einer Marathonvorbereitung gelaufen. Da lag der Fokus eben auf längeren, dafür aber zumeist etwas langsameren Einheiten. 

Zweitens überwiegen anscheinend doch eher die vorher erwähnten positiven Effekte die Nachteile durch das Triathlontraining. 

Drittens - und für mich am entscheidendsten war aber wohl der mentale Faktor. 
In meinem Kopf war es "nur" ein Lauf. 
Ich war für meine Verhältnisse recht entspannt, habe mich nicht unter Druck gesetzt.
Ich wusste ja selbst unterwegs nicht mal das ich auf Bestzeitenkurs war. 
Dieses Gefühl muss ich unbedingt irgendwie auch auf für mich wirklich wichtige Wettkämpfe übertragen, egal ob im Triathlon oder Laufwettkämpfen.
Insofern war mein Ziel bei diesem Wettkampf den Fokus hauptsächlich auf die "Kopfarbeit" zu richten in mehrfacher Hinsicht erfolgreich. 

Und Viertens - und das ist ein anscheinend nicht zu unterschätzender, aber wohl leider nicht planbarer Aspekt - ich hatte am Sonnstag einfach einen richtig guten Tag!



Deutsche Meisterschaften im Halbmarathon in Hannover


Trotz meiner Konzentration auf den Triathlon in diesem Jahr plane ich natürlich auch reine Laufwettkämpfe, hauptsächlich aus dem Training heraus als schnelle Tempoläufe. 


Aber der Halbmarathon in Hannover hat durch die gleichzeitig ausgetragenen Deutschen Meisterschaften doch einen besonderen Stellenwert. 

2015 sind wir mit unserer Mannschaft vom Hamburger Laufladen.eV in unserer Altersklasse in Husum Deutsche Meister geworden und ich hatte mir die Bronzemedaille gesichert. 
Das wollen wir natürlich gerne wiederholen!

Also stellte ich mein Training etwas um (Hier schildere ich es etwas genauer) und mache mich am Sonntag zusammen mit meinen beiden Vereins- und Mannschaftskameradinnen auf den Weg.

In Hannover angekommen bin ich überrascht über die Größe der Veranstaltung!

Das mag naiv sein, aber da zeitgleich der Hannover Marathon stattfindet und die Deutsche Meisterschaft 2015 in Husum quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit in einem Gewerbegebiet veranstaltet wurde, hatte ich mit den 8000 Teilnehmern, von denen alleine 1000 für die Meisterschaft gemeldet waren, nicht gerechnet. 

Wenn ich schon vorher auf keine Einzelmedaille spekuliert habe, schreibe ich angesichts dieser Konkurrenz, der Bruttowertung und der leider wieder fehlenden Kennzeichnung der Altersklassen auf den Startnummern diese Hoffnung endgültig in den Wind. 

Das stört mich aber überhaupt nicht, ich bin gleich viel entspannter und möchte einfach einen anständigen Lauf machen um möglichst eine gute Mannschaftwertung zu erreichen. 
Der Start ist recht spät nach 11 Uhr und das Wetter für meinen Geschmack für Höchstleistungen schon fast zu warm, aber herrlich zum Laufen. 

Dann also los, wir kommen ins Rollen und ich merke schon nach den ersten Kilometern das es ein guter Tag für mich ist. 
Ich muss mich in der Tat bremsen, ein gutes Zeichen, denn wenn man am Anfang von 21 Kilometern schon Mühe hat das Tempo zu halten, wird es erfahrungsgemäß nicht wirklich besser!
Also schön langsam, entspannt rollen lassen, überholen lassen, NICHT hinterherlaufen.
Ich fange an zu genießen. Die Strecke ist flach, dabei recht schön und das Publikum ist wirklich zahlreich und enthusiastisch. 
Besonders liebe ich die Trommeln, die können von mir aus an jeder Ecke stehen . . . 

Als im Vorbeilaufen ein Kind zu seiner Mutter sagt: "die sind aber ganz schön schnell" denke ich bei mir das ich "uns" auch wirklich ganz schön schnell finde. 
Die nächsten Kilometer sinniere ich darüber, wie unterschiedlich sich ein Tempo anfühlen kann. 
Natürlich gibt es die objektive Maßeinheit. 
Aber diese wird ja von jedem anders empfunden. 
Was für mich schon ein richtig schnelles Wettkampftempo bedeutet, ist für einen Profiläufer gerade mal GA1.
Dafür hält es eine untrainierte Frau meines Alters wahrscheinlich keine 400 Meter durch. Außerdem ändert es sich ja auch individuell bei mir jeden Tag (und leider sogar innerhalb von Minuten).
So empfand ich meine jetzige Pace noch Anfang der Woche über 2000 Meter als total anstrengend und jetzt laufe ich sie bereits seit 10 Kilometern fast schon mühelos. 

Ab Kilometer 12 ist dann leider allmählich Schluss mit lustig und ich muss erstmals darauf achten nicht langsamer zu werden. Das ist mir eigentlich zu früh, besser es flutscht so bis Kilometer 15, 16 oder später. 
Jetzt kommt dann auch der mentale Tiefpunkt, es ist noch relativ weit, die Beine werden schwerer, mir ist warm, ich habe keine Lust mehr, also eben so das übliche Mimimi.

Ich leide also ein bisschen vor mich hin, werde auch etwas langsamer aber irgendwie klappt das mal mit der Autosuggestion. 
Hey, es sind immerhin Meisterschaften, dir tut nichts wirklich weh, es gibt keinen wirklich triftigen Grund jetzt nachzulassen und du bist eindeutig nicht am Sterben.
Also reiß ich mich zusammen, rappel mich auf, such mir andere Läufer zum dranhängen, klatschte ein paar Kinder ab und zieh irgendwie wieder an. 
Ich fange an zu überholen, und irgendwann sind es dann auch überschaubare Restkilometer. 
Ich höre aber auf die Runden abzudrücken denn ich hatte Autolap nicht eingestellt und die Kilometerschilder fand ich entweder gar nicht oder sie divergieren völlig mit meiner Uhr. 
So war ich nicht sicher ob ich noch in meiner Zielpace liege, aber diese kam mir sowieso sehr hoch vor, vor allem in Bezug auf die Endzeit.
Diese sollte nämlich noch eine Minute langsamer als meine PB sein was mich doch sehr erstaunte. 
Ich konnte mich nämlich nicht mehr daran erinnern oder mir vorstellen das ich schon einmal so schnell auf einem Halbmarathon unterwegs gewesen war. 
Nachgeguckt hatte ich es nicht mehr, ich wollte mich ja nicht unter Druck setzten . . . 

So oder so, die letzten Kilometer kommen und gehen. 
Es ist anstrengend aber ok und jetzt überhole ich definitiv. 
Und zwar Meisterschaftsteilnehmer, erkennbar an den Startnummern hinten und nicht nur Staffelläufer und sonstige Teilnehmer die ich irgendwie nicht zuordnen kann.  

Als ich dann noch ein paar Frauen erreiche, will ich mir jetzt auch keine Blöße mehr geben und laufe eindeutig schneller auf den letzten Kilometern ins Ziel als ich eigentlich will und für nötig befinde. 
Die Uhr auf dem Zielbogen zeigt zu meiner Überraschung wirklich auf die Sekunde genau meine geplante Zielzeit an und das in Brutto. Nie hätte ich damit gerechnet!

Jetzt die Daumen drücken das auch meine beiden Mitstreiterinnen es bis ins Ziel schaffen.
Sabine kommt mit breitem Grinsen in persönlicher Bestzeit!
Jetzt fehlt nur noch eine, hier machen wir uns ein wenig Sorgen, ist sie doch aus Solidarität trotz Halsschmerzen und leichter Erkältung gestartet, aber auch sie kommt heil an. 

Nun heißt es auf die Ergebnisse warten. 
Als erstes kommen die Einzelzeiten.
Ich fass es nicht - ich habe tatsächlich den 2. Platz in meiner Altersklasse - bin also Deutsche Vizemeisterin im Halbmarathon!


Aber was ist mit der Mannschaft? 

Bei der Siegerehrung erfahren wir es dann - 
auch mit der Mannschaft hat es zu Silber gereicht, mit gerade mal 25 Sekunden Abstand zu den Dritten. 

Soviel zum Thema ich hätte am Schluss auch langsamer laufen können!



Äußerst gut gelaunt zuhause angekommen will ich aber doch mal nachgucken was ich denn genau bei meiner letzten Bestzeit 2015 gelaufen bin. 

Ich gucke einmal, ich gucke zweimal und kann es nicht glauben - ich habe meine Bestzeit immer um 2 Minuten "geschönt". 
Keine Ahnung wieso, mit Absicht auf gar keinen Fall. 
Das ist mir jetzt zwar ein bisschen peinlich, habe ich doch bei Nachfragen immer eine falsche Zeit angegeben aber andererseits erklärt sich jetzt natürlich warum mir die Pace so schnell vorkam - ich habe meine TATSÄCHLICHE Bestzeit mal eben so "Ausversehen" um 55 Sekunden verbessert!!

Mein genaues Ergebnis: Klick

Als zusätzliches Schmankerl bin ich auch Zweite im Gesamtergebnis von immerhin 257 Starterinnen alleine in meiner Altersklasse.
Ja, ja die Babyboomer 😒

Wie ich mir das trotz meines Triathlontrainings erkläre versuche ich HIER zu erklären.